Die Landschaft
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Die Landschaft

Zu der wissenschaftlichen Landschaft der Psychohistorie versucht Ludwig Janus folgende Standortbestimmung:

 

„Ich möchte der Leserin und dem Leser empfehlen, die Titel der Beiträge in ihrer Fülle und Vielfalt auf sich wirken zu lassen. Sie geben einen Eindruck von der Intensität und Vielschichtigkeit der Diskussion und dem innovativen Potenzial der Psychohistorie. Ich möchte einige Leitlinien zur Orientierung herausheben:

 

  • Geschichte der Kindheit (DeMause, Frenken, Ende, Ottmüller, Mösch, Klußmann, Janus, Weber, Rheinheimer, Hermsen, Chamberlain u.a.)
  • Kulturpsychologische Bedeutung der vorgeburtlichen Lebenszeit (Janus, Hermsen, Dowling, Horstmann, Wasdell, Crisan u.a.)
  • Biographie und Psychohistorie (Röckelein, Frenken, Reiß, Bumiller, Wegener u.a.)
  • Pubertät und Psychohistorie (Kraft, Jüngst, Scheffler u.a..)
  • Gruppenphantasien (Kurth, Berghold, Janus, Galler u.a.)
  • Psychoökonomie (Galler)
  • Psychohistorie und Krieg (DeMause, Puhar, Canzler, Bacher, Rigamonti, Janus u.a.)
  • Psychohistorie des Überich (Frenken, Hermsen, Sahlberg, Langendorf, Nyssen)
  • Trauma und Psychohistorie (Becker, Nielsen, Jovanovic, Langendorf, Wirth, u.a.)
  • Psychohistorie des Terrorismus (DeMause, Kurth, Galler, Jüngst, u.a.)
  • Friedenskompetenz der Psychohistorie (DeMause, Ottmüller, Brücher, Berghold, Gruen)
  • Psychohistorie und Globalisierung (Berghold, Siltala, Langendorf, u.a.)
  • Psychohistorie des Fundamentalismus (Gruen, Galler, Janus, Siltala, Nielsen, u.a.)
  • Psychohistorie und Genderfragen (Röckelein, Liepmann)
  • Psychohistorie und Mentalität (Dinzelbacher, Neuse, Janus, Reiß, Priese, u.a.)
  • Psychohistorie der Krise / Finanzkrise (Nielsen, Sievers, Janus, Schönfeldt, Demeure, Egloff)

Die scheinbare Vielzahl der Themen ordnet sich, wie diese Übersicht zeigt, einigen Leitlinien der Psychohistorie zu. Dabei lassen sich die einzelnen Gruppen noch einmal zusammenfassen:

 

1. Psychohistorie der Mentalität: Kindheitsgeschichte, Biografik und Pubertät, Psychohistorie des Über-Ich, Mentalität und Genderfragen

2. Psychohistorie von Gewalt und Trauma: Krieg, Terrorismus, Trauma und Fundamentalismus

3. Psychohistorie der Wirtschaft: Psychoökonomie

4. Psychohistorie der Politik: Globalisierung, Friedenskompetenz und Psycho­historie der Krise

5. Gruppenphantasien

Dabei ist die gemeinsame Grundlinie der Psychohistorie, die Wechselwirkung von Kindheitssozialisation und die gesellschaftliche Inszenierung, wie sie sich auch in den Gruppenphantasien zeigt, immer zusammen zu sehen.

 

Wie Psychoanalyse und Tiefenpsychologen immer die Wechselwirkung von Kindheit und Erwachsenenleben im Auge haben, so die Psychohistorie die kollektiven Kindheitsbedingungen und die entsprechenden Gestaltungen auf der Erwachsenenebene.

 

Diese Grundlinie ist in sich stringent und auch empirisch gesichert, sodass sie eine solide Basis für die Psychohistorie bedeutet. Wie es schon schwierig für den Einzelnen ist, sich der Interdependenz der eigenen Kindheitserfahrungen und der Gestaltung des Erwachsenen­lebens wirklich inne zu sein, so ist es noch weitaus schwieriger, die Interdependenz der kollektiven Sozialisations­bedingungen und der gesellschaftlichen Mentalität Ebene deutlich wahrzunehmen, weil man so sehr ein Teil dieser Bedingungen und dieser Mentalität ist, die einen in seinem Selbst- und Umweltbezug geprägt hat.

 

Dies ist ein wesentlicher Grund dafür, dass zur Zeit noch politische und gesellschaftliche Diskussionen ohne jeden Bezug auf Psychologie und Psychohistorie geführt werden, obwohl gerade die politischen Konflikte zwischen den verschiedenen Nationen und politischen Blöcken gezeigt haben, dass es hier wesentlich um psychologische und psychohistorische Fragen geht.

 

Zur Zeit ist aber der gesellschaftliche Konsens oder die gesellschaftliche Unbewusstheit in dem Sinne herrschend, dass die psychologische und psychohistorische Perspektive nicht entscheidungsrelevant sind. So hat man zum Beispiel den Kosovo-Konflikt über viele Jahre sich entwickeln lassen, wohl wissend, dass er auf eine gewaltsame Lösung zu treibt. Es hätten vielerlei psychosoziale Interventionsmöglichkeiten bestanden, die gesell-schaftliche Infra­struktur so zu stärken, dass ein unblutiges Konflikt­management möglich gewesen wäre.

 

Das gilt auch in größerem Maßstab für den Umgang mit der westlichen Welt und der Welt des Islams, der eben dringlich auf psychologische und psycho­historische Ressourcen angewiesen wäre, um einen vermittelten psychopoliti­schen Umgang zu ermöglichen. So dominieren einseitig Machtfragen, Wirtschaftsfragen und militärische Optionen die Szene, als ob es nicht wesentlich um die Möglichkeiten vom Zusammenleben von Menschen ginge, die in verschiedenen Gesellschaftsformen und Mentalitäten organisiert sind.

 

Im Rückblick auf die 25 Jahre der Psychohistorie in Deutschland kann man feststellen, dass die wissenschaftliche Landschaft der Psychohistorie im Wesentlichen ausgeschritten ist. Die Zeit der Entdeckungen liegt hinter uns. Es geht jetzt vor allem um weitere Differenzierung und Vertiefung – aber vielleicht noch wichtiger um Fragen der Systematisierung und ganz entscheidend um die Vermittlung des psychohistorischen Wissens an die Gesellschaft und auch die wissenschaftliche Welt.“

 

(Jahrbuch für psychohistorische Forschung, Bd. 12)